In der Analyse von Beziehung wird oft die "Bindungstheorie" und "Bindungsstile" herangezogen, um zu erklären, warum einige von uns Bindung suchen und andere sie eher vermeiden oder warum viele von uns generell Schwierigkeiten damit haben.
Erfahre hier, welche Typen und Stile es gibt und wo du dich selbst, deine Erfahrungen und dein eigenes Verhalten in Beziehungen einordnen kannst.
Stärken und Schwächen der Bindungstheorie
Die in der Psychologie allgemein etablierte Bindungstheorie hat in der modernen Selbsthilfe inzwischen eine große Popularisierung erfahren und erlebte in den letzten Jahren auf Social Media einen regelrechten Hype. Besonders das Konzept der Bindungsstile (Attachment Styles) wird als leicht nachvollziehbares und hilfreiches Universal-Werkzeug präsentiert. Es werden verschiedene Bindungstypen voneinander unterschieden und in Zusammenhang mit frühesten Prägungen gebracht.
Die Typologisierung hilft Menschen nicht nur dabei, ihre persönlichen Bindungseigenschaften besser zu verstehen, sondern kann auch erklären, wie es zu den typischen Paar-Dynamiken kommt. Ich möchte dir hier einen kurzen Überblick über das Bindungsstil-Konzept geben und dir seine Stärken und Schwächen aufzeigen.
Die wesentlichen Aussagen der klassischen Bindungstheorie
Der britische Kinderarzt und -psychiater John Bowlby und die Entwicklungspsychologin Mary Ainsworth leisteten noch in den Vorkriegsjahren des 20. Jahrhunderts Pionierarbeit auf dem Gebiet der Bindungsforschung. Ihre grundlegenden Forschungsergebnisse lassen sich in fünf wesentliche Aussagen zusammenfassen.
- Bindung ist ein angeborenes, biologisches Grundbedürfnis
- Die Bindungsqualität hängt maßgeblich von der Einfühlsamkeit und empfindsamen Zuwendung der Bezugsperson ab
- Eine sichere Bindung ist die gesunde Grundlage, von der aus das Kind die Umgebung erkundet, Selbstvertrauen und Autonomie lernt.
- Bindungserfahrungen formen zukünftige Beziehungen im Erwachsenenalter.
- Trennung oder Verlust können zu schwerwiegenden psychischen Beeinträchtigungen führen
Insbesondere die Forschungsergebnisse von Mary Ainsworth veranschaulichten, dass sich eine unterschiedliche Bindungsqualität in der Entwicklung von unterschiedlichen Bindungsstilen niederschlägt. Kinder entwickeln demzufolge unterschiedliche Stile, je nachdem wie die frühen Bezugspersonen auf sie eingehen.
- Sichere Bindung: Das Kind kann vertrauen, fühlt sich sicher und geborgen, es fühlt, dass seine Bedürfnisse geachtet werden, es spürt, dass es immer Unterstützung findet. Es erkundet die Umgebung und ist bei Stress schnell beruhigt.
- Unsicher-vermeidende Bindung: Das Kind zeigt sich nicht offen und zieht sich zurück, reagiert wenig, selbst auf Trennung. Es spürt, dass die eigenen Bedürfnisse besser versteckt bleiben, weil es keine verlässliche Unterstützung spürt. Es kümmert sich lieber um sich selbst.
- Unsicher-ambivalente Bindung: Das Kind ist geprägt von Angst und klammert viel, weint bei Trennung und ist nur schwer zu beruhigen. Es ist aber auch wütend, misstrauisch und unsicher, denn es spürt, dass es keine konstante und vorhersehbare Unterstützung gibt, Zuwendung und Vernachlässigung sich abwechseln.
- Desorganisierte Bindung: Das Kind ist chaotisch und auffallend widersprüchlich, es zeigt sich oft verwirrt und ängstlich. Der Grund dafür ist eine missbräuchliche Bezugsperson, die einerseits Quelle von Sicherheit und Trost ist, andererseits auch Angst macht und Stress auslöst.
Bindungsstile und ihre Auswirkungen auf erwachsene Beziehungen
Die Erfahrungen aus der Kindheit mit unseren Bezugspersonen prägen also entscheidend die Art und Weise, wie wir uns auf andere Menschen einlassen können und zu ihnen in Beziehung treten. Die Überlegungen aus der Entwicklungspsychologie führten schließlich dazu, dass man heute für gewöhnlich vier unterschiedliche Bindungstypen voneinander unterscheidet.
Sicherer Bindungsstil
- Vertrauen in Beziehungen und deren Stabilität
- Balance zwischen Unabhängigkeit und Nähe
- Gute Emotionsregulation und Konfliktlösung
Unsichere Bindungsstile
Ängstlicher Bindungsstil (anxious-ambivalent)
- Übermäßig starkes Bedürfnis nach Bestätigung und Angst vor Ablehnung.
- Tendenz zur Überabhängigkeit und Klammerverhalten.
- Überempfindlichkeit gegenüber wahrgenommener Distanz oder Ablehnung.
Vermeidender Bindungsstil (dismissive avoidant)
- Rückzugstendenz, emotionale Distanz und Vermeidung von Intimität.
- Selbstgenügsamkeit, Bevorzugung von Unabhängigkeit und Vermeidung von Hilfe.
- Vermeidung tieferer Bindungen, Schwierigkeiten Gefühle auszudrücken.
Desorganisierter Bindungsstil (fearful-avoidant)
- Widersprüchliche Nähe-Suche und Abwehr von Nähe.
- Ständige unterschwellige Ängste und Misstrauen.
- Schwierigkeiten in der Emotionsregulation und stabilen Bindung.
Was bringt dir das Wissen um die Bindungsstile?
Die Bindungstheorie bietet viele wertvolle Ansätze:
- Sie hilft dir vielleicht zum ersten Mal deutliche Muster in deinem persönlichen Bindungsverhalten zu erkennen. Du verstehst dich und deine emotionalen Reaktionen besser.
- Erkennst du deine Bindungsmuster, kannst du anteilige destruktive und unvorteilhafte Verhaltensweisen durchbrechen und verändern.
- Du verstehst in Konfliktsituationen deine Reaktionen und die Reaktionen deines Partners besser, was in Konflikten einen neuen Gestaltungsspielraum schafft.
- Wenn du deinen Bindungsstil verstehst, begreifst du auch deine Bedürfnisse und Ängste besser und kannst Missverständnisse vermeiden.
- Wenn du dich besser kennst, kannst du auch besser über dich sprechen und somit die Kommunikation zu deinem Partner verbessern.
- Das Wissen um deinen Bindungsstil und den deines Partners erhöht dein Verständnis und die Empathie für dich selbst und den anderen. Potenziale für Selbstentwicklung und gemeinsame Entwicklung werden vielleicht zum ersten Mal sichtbar.
Warum das Konzept der Bindungsstile limitiert ist und sogar Risiken in sich birgt!
Trotz ihrer Stärken hat die Bindungstheorie auch Einschränkungen und birgt auch nicht unerhebliche Risiken in sich:
- Bindungsmuster sind alles andere als statisch! Du hast vlt. auch schon die Erfahrung gemacht, dass du in verschiedenen Beziehungen unterschiedliche Dynamiken erlebt hast. Dein Stil ist daher formbar und nicht ein für allemal festgelegt!
- Deiner Individualität wirst du nicht gerecht, indem du dich in die Schublade eines Bindungsstils stecken lässt. Andere Faktoren wie z.B. Persönlichkeitsmerkmale, Erfahrungen und Werte spielen auch eine Rolle in deinem Beziehungsverhalten!
- Eine oberflächliche Bindungsstil-Analyse kann leicht für selbst-erfüllende Prophezeiungen sorgen. Im schlimmsten Fall benutzt du das Wissen um deinen Bindungsstil, um dich vor Veränderungen zu schützen und die Selbstsabotage ist perfekt!
- Dein Partner zeigt toxische Verhaltensweisen und du entschuldigst sein verletzendes und manipulatives Verhalten mit gefährlichem Halbwissen über Bindungsstile!
- Die Beschäftigung mit den Bindungsstilen kann keine echte Beratung oder Therapie ersetzen(!) und wird mitunter gerne als bloßes „intellektuelles Pflaster“ benutzt, um tieferliegenden Problemen und Herausforderungen aus dem Weg zu gehen!
Die Geschichte von Peter wird dir mehr darüber erzählen...
Die Geschichte von Peter
Wenn die oberflächliche Bindungsstil-Diagnose zur Beziehungs-Falle wird
Eine fiktive Geschichte, die in der Realität so ähnlich vorkommt:
Peter, ein 28-jähriger Mann, war anfangs glücklich in seiner Beziehung zu Sabine, die ihm als perfekte Partnerin erschien, sie war verlässlich, romantisch und wertschätzend. Sie machte ihm zum Beispiel Komplimente, wie er sie noch von keiner anderen Frau gehört hatte.
Doch bereits nach einigen Monaten zeigte sie zunehmend ein unerklärliches distanziertes Verhalten: Sie wurde abweisend, respektlos und zog sich emotional und auch physisch immer weiter zurück. Das Verhalten wechselte sich aber immer wieder mit schönen gemeinsamen Momenten ab. Er dachte, mithilfe eines gemeinsamen Urlaubs könnten sie wieder besser zueinanderfinden und mehr Konstanz schaffen.
Doch im Urlaub wurde es sogar schlimmer: Sabine verhielt sich provokativ und sehr launisch, Peter sah sich sogar Herabsetzungen ausgeliefert, ihre zunehmende Gleichgültigkeit und Kälte machten ihn ratlos und Sabines immer offensichtlicher werdende egozentrische Art ließ ihn verletzt und konsterniert zurück. Wenn er sie auf ihr Verhalten ansprach, redete sie ihm ein, seine Empfindlichkeit und Bedürftigkeit seien das Problem.
Wieder zu Hause angekommen beschloss er der Sache auf den Grund zu gehen. Peter begann sich intensiv mit Bindungsstilen zu beschäftigen, über die er bei YouTube gestolpert war. Er entdeckte, dass Sabines Verhalten vermeintlich typisch ist für einen vermeidenden Bindungsstil (dismissive avoidant attachment style). Er schlussfolgerte, dass sie ein Problem mit zu viel Nähe hat wie es typisch ist für „Vermeider“.
Er verwendete dieses Vermeider-Narrativ als Beziehungsdiagnose und dachte, er müsste Sabines Verhalten einfach weniger persönlich nehmen und auch an sich und seinen emotionalen Unzulänglichkeiten arbeiten und selbst unabhängiger werden. Leider fühlte er sich aber nur schlimmer, je mehr Zeit mit ihr verging und auch sein größeres Verständnis und seine Empathie für sie änderten nichts an der problematischen Ausgangslage. Er fühlte sich in der Beziehung einsam, emotional ausgelaugt und trennte sich schließlich von ihr.
Erst im Beziehungscoaching wurde Peter klar, dass Sabines manipulatives und toxisches Verhalten nicht auf einen vermeidenden Bindungsstil hindeutet, sondern vielmehr auf eine tiefer liegende ernsthafte Störung in ihrer Persönlichkeit (vulnerabler Narzissmus). Peter musste erkennen, dass die Bindungstheorie nicht immer ausreicht, um komplexe zwischenmenschliche Dynamiken zu erklären.
Er hatte das Wissen um Bindungsstile unbewusst benutzt, um die Augen vor der harten Realität zu verschließen, dass mit dieser Person für ihn keine gesunde Beziehung möglich war.
Nicht seine gesunden Bedürfnisse nach Nähe und echter Zweisamkeit waren in der Beziehung das Problem, sondern Sabines tief sitzende Persönlichkeitsproblematik im Zusammenhang mit narzisstischen Tendenzen.
Unterstützung und Begleitung
Erkennst du deine Beziehungssituation hier wieder und brauchst jemandem, der dir weiterhilft das alles durchzustehen? Dann sprich mich an. Ich helfe dir gerne, dich in deiner Situation zu begleiten, dir mit Rat zur Seite zu stehen und einfach auch da zu sein und dir zuzuhören.
Schick mir eine Nachricht, um ein kostenloses Gespräch zum Kennenlernen zu vereinbaren. Dabei haben wir ca. 30 Minuten Zeit, um dein Thema zu besprechen und zu schauen, ob mein Coaching für dich richtig ist.